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Aufführungen | Theater

BIN NEBENAN

theater VIEL LÄRM UM NICHTS

BIN NEBENAN von Ingrid Lausund – eine Tragikomödie in sieben Monologen, multipel persönlich gespielt von Christine Garbe. Hier treffen Wellnessmomente auf Panikattacken, lustvolle Fantasien auf internalisierten Rassismus und Plüschzebras auf das löchrige soziale Netz unserer Gesellschaft. Menschen von nebenan offenbaren ihre Ängste und kämpfen um ihre Würde; sie entlarven Denkmuster und legen Gefühle frei in einer Welt, in der alle neben sich zu stehen scheinen im erbitterten Streben nach Status und Individualität. Ein abgründig packender Theaterabend, in dem die pure Absurdität des Daseins das Publikum zum Staunen, Lachen und Erkennen verführt. Dauer 2 Std, 1 Pause »… fulminanter Szenenreigen. Die Episoden wirken wie soziologische Studien, kritische Kommentare zum Zustand unserer brüchigen Gesellschaft kurz vor dem Kipppunkt in die Katastrophe. Christine Garbe brilliert im theater VIEL LÄRM UM NICHTS in ebenso witzigen wie tiefgründigen Monologen.« (Donaukurier) Produktion & Spiel: Christine Garbe Regie: Georg Büttel Regieassistenz: Sophia Schumann / Julia Gröbl Bühne: Thomas Bruner Musik: Thomas Unruh März 12., 13., 14. 19., 20., 21. 26., 27., 28. Jeweils 20 Uhr Gastspiel/Koproduktion mit theater VIEL LÄRM UM NICHTS
Aufführungen | Theater

DIE TURING-MASCHINE

theater VIEL LÄRM UM NICHTS

„Haben Sie schon einmal ein Geheimnis bewahrt? Ein großes Geheimnis. Nein? Dann wissen Sie nicht, wie schwer einem das fällt. Glauben Sie mir: Von allen immateriellen Dingen ist das Schweigen so ziemlich am härtesten durchzuhalten… Und mein Leben steckte voller Geheimnisse. Haben Sie schon einmal etwas von Enigma gehört? Natürlich nicht. Wie sollten Sie auch? Also, dann hören Sie jetzt einmal gut zu…“ Das ist die unglaubliche Geschichte des Alan Turing, dem englischen Mathematiker, der den Geheimcode der Deutschen während des 2. Weltkrieges geknackt hat. Turing hat eine „Denkmaschine“ konstruiert, die sich als der erste Computer entpuppt hat. Von den Geheimdiensten zum Schweigen verdammt, wurde er wegen Homosexualität verurteilt – auf diese Art konnte man ihn „legal“ beiseite räumen. Er beging Selbstmord, indem er in einen vergifteten Apfel biss. Und der angebissene Apfel erinnert uns heute an ein weltberühmtes Logo… »...großes Kino in Form eines spannungsvollen Kammerspiels […] Wie immer gelingt es Wiedermann ganz wundersam, die Imaginationskraft des Zuschauers ebenso zu aktivieren wie die Einfühlung in Stimmungen.Nie sah man den Schauspieler Leon Sandner so intensiv […] Mit feinen Nuancen entwickelt er die verschiedenen Facetten eines originellen, aber auch seltsam unsicheren Typen, der […] seine Umwelt irritiert, aber auch fasziniert. Das gilt für den Stricher ebenso wie für einen Inspektor, welcher sich in den Verhören dem Phänomen der Persönlichkeit Turings annähert wie auch dem Schach-Weltmeister... All diese Rollen verkörpert Fritz Lordick sehr überzeugend in schnellen Wechseln in Auftreten wie Sprachduktus.« Barbara Reitter-Welter Mit Leon Sandner und Fritz Lordick Regie: Andreas Wiedermann Sounddesign: Clemens Nicol Fotos: Korbinian Bauer Gastspiel von Theater Plan B
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Drei Schwestern

Residenztheater

Mit einem Drama um Alltag, Sehnsucht und Scheitern stieg Anton Tschechow – und mit ihm das moderne Theater – ins 20. Jahrhundert ein: «Drei Schwestern», uraufgeführt 1901 im Moskauer Künstlertheater, ist die Chronik einer Familie, in der Tschechow die Balance zwischen Melancholie und Lebensfreude, Realismus und Stilisierung hält. Der australische Autor und Regisseur Simon Stone hat Tschechows berühmtes Drama zum Ausgangspunkt seiner von «Theater heute» als «Stück des Jahres 2017» ausgezeichneten Neudichtung genommen und diese mit rasanter Dialogkunst, subtilen Charakterstudien und der daraus sich zuverlässig ergebenden Ambivalenz der Figuren thematisch im Hier und Jetzt verortet. «Verdienen wir überhaupt, glücklich zu sein? Weil vielleicht suchen wir immer das Gegenteil. Also sabotieren wir alle Chancen, die das Leben uns gibt.» Aus Tschechows Provinzpersonal werden so urbane Sinnsuchende, die in Zeiten von Twitter, Facebook und Instagram in ihrem Ferienhaus zwischen Gesprächen über den Niedergang der Linken und Donald Trump Kindheitserinnerungen und Zukunftsvisionen nachhängen. Es geht um Existenzielles und Komisches, um Hoffnungen und Träume – und darum, mit diesen gegen die stets drohenden Banalitäten des Alltags, gegen Einsamkeit und Verzweiflung vorzugehen. Simon Stone gilt mit seinen radikalen Neuinterpretationen kanonisierter Klassiker der Dramenliteratur als einer der einflussreichsten Regisseure des internationalen Gegenwartstheaters und wurde mit dieser Inszenierung des Theater Basel zum Berliner Theatertreffen 2017 eingeladen. «Tschechows Stücke beginnen alle mit dem Hinweis, dass sie in der Gegenwart spielen, und dabei nehme ich ihn wörtlich. Die Gegenwart hört nie auf. Irgendwann hat man begonnen, sie in die Vergangenheit zu versetzen, weil man der Meinung war, der Autor hätte mit der Gegenwart seine eigene Gegenwart gemeint. Dabei sollten sie doch die jeweils gegenwärtige Gesellschaft widerspiegeln.» Simon Stone Übernahme der Uraufführungsinszenierung des Theater Basel Inszenierung: Simon Stone Bühne: Lizzie Clachan Kostüme: Mel Page Musik: Stefan Gregory Licht: Cornelius Hunziker, Gerrit Jurda Dramaturgie: Constanze Kargl Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, 1 Pause Altersempfehlung: ab 14 Jahren
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Prima Facie

Residenztheater

Tessa Ensler ist eine knallharte Strafverteidigerin. Mit Anfang dreißig hat sie geschafft, was die wenigsten ihr zugetraut hätten: den Weg aus einem Milieu ohne Privilegien an die Eliteuni und dann in die Topkanzlei. Ihre Königsdisziplin ist die Verteidigung in Fällen sexueller Übergriffe. Ist ihre Freispruchrate so hoch, weil sie eine Frau ist, wie geunkt wird? Oder weil sie so gut Lücken und Widersprüche in den Aussagen der weiblichen Opfer aufspürt? Tessa ist jedenfalls stolz, dass sie ihr Gegenüber im Zeugenstand nicht quält wie manch anderer Kollege, aber sie glaubt auch an das Rechtssystem, das im Zweifel zugunsten der Angeklagten entscheidet. Doch diese Überzeugung wird erschüttert, als sie selbst vergewaltigt wird. Der Täter ist kein Unbekannter, sondern ihr Kollege Julian, mit dem sie eine Büroaffäre, vielleicht aber auch der Beginn einer tieferen Liebesbeziehung verbunden hat. Als sie Anzeige erstattet, ist ihr klar, dass die Anscheins- oder Prima-facie-Beweise nicht für sie sprechen – schließlich waren neben ihrer anfänglichen Anziehung auch mehrere Flaschen Wein im Spiel –, aber es geht ihr nicht nur um persönliche Gerechtigkeit, sondern auch um die Abrechnung mit einem von Männern geschaffenen Justizsystem, an das sie ihr Leben lang geglaubt hat. Wie Ferdinand von Schirach arbeitete auch die australische Autorin Suzie Miller selbst als Strafverteidigerin – und zwar im Menschenrechtssektor, heute schreibt sie für Theater, Film und Fernsehen. «Prima Facie» wurde 2020 mit den wichtigsten australischen Preisen für neue Dramatik ausgezeichnet sowie mit dem Olivier Award, der höchsten Auszeichnung im britischen Theater. 2022 feierte es im Londoner Westend Erfolge und seit Frühjahr 2023 ist es am New Yorker Broadway zu sehen. Das furiose Monodrama, in dem Tessa Stück für Stück ihre Lebensgeschichte erzählt und alle auftauchenden Figuren gleich mitspielt, inszeniert Hausregisseurin Nora Schlocker, die in den vergangenen Spielzeiten sowohl Gegenwartsdramatik als auch Klassiker feinfühlig und klar auf die Bühne gebracht hat. aus dem Englischen von Anne Rabe Inszenierung: Nora Schlocker Bühne und Kostüme: Marie Caroline Rössle Musik: Albrecht Zieper Licht: Gerrit Jurda Dramaturgie: Almut Wagner Altersempfehlung: ab 14 Jahren Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, Keine Pause
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Der zerbrochene Krug

Residenztheater

Richter Adam hat ein gravierendes Problem: Nicht nur hat er mit den schwerwiegenden Folgen seines nächtlichen Alkoholkonsums zu kämpfen, sondern auch mit dem plötzlichen Auftauchen seines Vorgesetzten Walter, der die Rechtsprechung in der Provinz unter die Lupe zu nehmen gedenkt. So ist Adam genötigt, coram publico einer Gerichtsverhandlung vorzusitzen, in der er gegen sich selbst ermitteln muss. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versucht er dabei zu verschleiern, dass es sich bei dem unbekannten Täter der letzten Nacht um ihn selbst handelt. Ein Kupferstich von Jean-Jacques André Le Veau, der einen zerbrochenen Krug in einem juristischen Rahmen zeigt, diente Heinrich von Kleist 1802 angeblich als Anlass für einen «poetischen Wettkampf» unter Freunden, aus dem «Der zerbrochne Krug» hervorging. Am Modell eines niederländischen Dorfgerichts im ausgehenden 17. Jahrhundert zeigt Kleist, dass institutionell nicht Recht gesprochen, sondern Macht ausgeübt wird. Selbst Jurist, übte der Dichter scharfe Kritik an der zeitgenössischen Rechtspraxis, die bei der Uraufführung 1808 in Weimar – inszeniert von niemand Geringerem als Johann Wolfgang von Goethe – vom ansässigen Adel als «moralischer Aussatz» degoutiert wurde. Heinrich von Kleist, einer der bedeutendsten deutschen Dichter, hatte bei Publikum und Kritik ausgespielt – mit einer der bedeutendsten deutschsprachigen Komödien, bis heute auf Bühnen gern gesehen. Dabei entpuppt sich Kleists abgründiges Lustspiel als Enthüllungsdrama um sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch und Tatsachenverschleierung – und somit um einen veritablen Justizskandal. Der «Zeit»-Literaturchef und Schriftsteller Adam Soboczynski wies darauf hin, dass «die Aufrichtigkeit, das Vertrauen bei Kleist sich als fragil erweisen und blendende Verstellungskünstler sein Werk prägen». Dorfrichter Adam ist einer ihrer schillerndsten Vertreter und als Figur so modern, dass er wie eine (Aus-)Geburt einer an Manipulationen so reichen Gegenwart aus dem Geist der Geschichte wirkt. Inszenierung: Mateja Koležnik Bühne: Christian Schmidt Kostüme: Ana Savić Gecan Licht: Verena Mayr Dramaturgie: Constanze Kargl 1 Stunde 40 Minuten, Keine Pause
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Götz von Berlichingen

Residenztheater

Als Goethe 1771 in einem wahren Schreibrausch seinen «Götz von Berlichingen» zu Papier bringt, ist er mit seinen 22 Jahren als Autor noch ein unbeschriebenes Blatt. Das ändert sich mit dem Erscheinen seines «Götz» schlagartig, über Nacht ist der junge Dichter in aller Munde. Goethes Frühwerk ist ein gewaltiges szenisches Epos mit über fünfzig Schauplätzen, mehreren Parallelhandlungen und einer riesigen Personage. Mehr noch: Goethe verwirft darin alle gängigen Konventionen, die das Drama des 18. Jahrhunderts bis dahin kannte. Beeinflusst von Shakespeares offener Dramaturgie wird sein «Götz» stilbildend für eine ganze Epoche: den Sturm und Drang. Als Vorlage dient Goethe die Biografie des Ritters Gottfried von Berlichingen (1480–1562), der sich den anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen nicht beugen wollte und sich weiter fest an den längst überholten mittelalterlichen Ritterkodex klammerte. Goethe macht aus dem restaurativen Vorbild einen Freiheitskämpfer, der sich den von feudaler und klerikaler Willkür geprägten Verhältnissen mit «eiserner Faust» entgegenstellt. «Götz von Berlichingen» ist Goethes Abrechnung mit dem Absolutismus seiner Zeit, die in dem berühmten «Schwäbischen Gruß» gipfelt: «Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken!» Für Autor und Regisseur Alexander Eisenach ist die Figur Götz aber einem reaktionären Wutbürger näher als einem aufrichtigen Revolutionär: «Die Geschichte schickt sich an, hinwegzugehen über einen, der sein Leben immer als Heldengeschichte begriffen hat. Götz ist das Symptom einer Menschheit, die sich in ihrer Hybris von sich selbst und dem Planeten, auf dem sie lebt, entfernt hat. Einer Spezies, die sich selbst für göttlich hält und glaubt, alles ihrer Regentschaft unterwerfen zu können. Wer hätte es für möglich gehalten, dass die Demokratie noch einmal derart ins Wanken gerät? Götz ist die Verlockung des Irrationalen, der Kitzel der Grenzübertretung, der Schamane der Wut.» Alexander Eisenach Nach «Einer gegen alle» und «Der Schiffbruch der Fregatte Medusa» ist «Götz von Berlichingen» die dritte Arbeit von Alexander Eisenach am Münchner Residenztheater.e Neueinstudierung mit dem Residenztheater-Ensemble in München zu erleben. Inszenierung: Alexander Eisenach Bühne: Daniel Wollenzin Kostüme: Claudia Irro Musik: Benedikt Brachtel, Sven Michelson Video: Oliver Rossol Licht: Verena Mayr Dramaturgie: Sylvia Brandl Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, Keine Pause Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Aufführungen | Schauspiel

Warten auf Godot

Residenztheater

An einer Landstraße an einem unbestimmten Ort zu unbestimmter Zeit warten Wladimir und Estragon auf Godot. Weder wissen sie, wer er ist, noch was sie von ihm wollen. Unklar ist auch, wann beziehungsweise ob er kommen wird. Die Zeit des Wartens verbringen sie mit Konversationen gegen die Stille, mit Spielen, die alltäglichen Verrichtungen ähneln, sowie mit Sinn simulierendem Streit samt Versöhnung. Unterbrochen wird ihre Monotonie von Pozzo, einem die Peitsche schwingenden Herrn, und dessen Knecht Lucky, der auf Befehl Tanz und Denknummern zum Besten gibt und sich dabei in wirre Monologe manövriert, die dem Untergang der Ratio huldigen. Wenige Bühnenwerke verlangen so sehr nach Deutung wie «Warten auf Godot», haben eine derart ausufernde Menge an Interpretationen provoziert. Samuel Beckett selbst meinte: «Ich weiß nicht, wer Godot ist. Ich weiß auch nicht, ob er existiert. Und ich weiß nicht, ob die zwei, die ihn erwarten, an ihn glauben oder nicht.» Als der Literaturnobelpreisträger diesen modernen Klassiker und Inbegriff des absurden Theaters 1948 schrieb, waren die Gräuel des Zweiten Weltkriegs noch allgegenwärtig und die Aufarbeitung des Holocaust gesellschaftliches Tabu. Auch die Vergangenheit Wladimirs und Estragons bleibt völlig offen: Waren sie wie ihr Autor in der Résistance? Sind sie Überlebende einer (atomaren) Katastrophe, denen nichts fernerliegt, als ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen? Oder repräsentieren die beiden, wie Estragon sagt, «die Menschheit, ob es uns passt oder nicht» – eine Menschheit, die unter Gedächtnisschwund leidet, um sich ihrer (Mit-)Schuld nicht gewahr werden zu müssen? Oder ziehen sie bloß die Ödnis des Wartens der Notwendigkeit zu handeln vor? Vielleicht verhält es sich aber so, wie Joachim Kaiser, einer der einflussreichsten Theaterkritiker seiner Zeit, formuliert und «jeder träumt sich seinen eigenen Traum über Becketts Albtraumpartikel zurecht». Regie führt Claudia Bauer, die für ihre musikalischen, slapstickaffinen Inszenierungen vielfach ausgezeichnet wurde und ab dieser Spielzeit Hausregisseurin am Residenztheater ist. Inszenierung: Claudia Bauer Bühne: Andreas Auerbach Kostüme: Vanessa Rust Komposition und musikalische Leitung: Michael Gumpinger Licht: Gerrit Jurda Dramaturgie: Constanze Kargl Video: Jonas Alsleben 2 Stunden 40 Minuten, 1 Pause
Aufführungen | Schauspiel

Die Rückseite des Lebens

Residenztheater

aus dem Französischen von Claudia Hamm Die Dramatikerin Yasmina Reza («James Brown trug Lockenwickler») ist fasziniert von Gerichtsprozessen, in ihrem Erzählband sind ihre Beobachtungen der vergangenen Jahre zusammengefasst. Lakonisch und pointiert beobachtet sie die Momente, in denen unbegreifliche Taten bewertet, widerstreitende Aussagen für wahr oder fasch befunden werden müssen, oft ganze Leben auf dem Kipppunkt stehen – und fängt wie nebenbei ein Panorama der menschlichen Existenz ein. Die Hausregisseurin Nora Schlocker richtet die Texte für die Bühne ein. Die Dramatikerin Yasmina Reza («James Brown trug Lockenwickler») ist fasziniert von Gerichtsprozessen, in ihrem Erzählband sind ihre Beobachtungen der vergangenen Jahre zusammengefasst. Lakonisch und pointiert beobachtet sie die Momente, in denen unbegreifliche Taten bewertet, widerstreitende Aussagen für wahr oder fasch befunden werden müssen, oft ganze Leben auf dem Kipppunkt stehen. Sie stellt emotionale Ausbrüche neben nüchterne Sachberichte, monströse Gewalttaten neben Betrugsdelikte und unterlassene Hilfeleistung. Wie nebenbei fängt sie dabei ein Panorama der menschlichen Existenz ein – vom Prekariat bis in die obersten Regierungskreise. Die Hausregisseurin Nora Schlocker richtet die Texte für die Bühne ein und lässt Ensemble und Publikum die Prozesse gemeinsam Revue passieren. Wie weit lässt sich ein Fall vor Gericht überhaupt rekonstruieren? Welche Fakten sind ausschlaggebend für unsere Parteinahme, für unsere Empathie? Oder ist, wie im Theater, letztendlich die Performance im Zeugenstand ausschlaggebend? «Die Rückseite des Lebens» ist ein Plädoyer für die Fragilität eines jeden Lebens und unserer Annahmen von Gerechtigkeit. Szenische Einrichtung: Nora Schlocker Musik: Hans Könnecke Licht: Markus Schadel Dramaturgie: Katrin Michaels
Aufführungen | Schauspiel

Lapidarium

Residenztheater

Rainald Goetz, der vielfach ausgezeichnete Ausnahmeautor, hat die Uraufführung seines neuesten Theatertexts Hausregisseurin Elsa-Sophie Jach anvertraut. Der Text ist eine wilde Mischung der Genres: Tagebuch und Requiem, verwoben mit Szenen aus einem wahnwitzigen Drehbuchvorhaben mit Helmut Dietl und Franz Xaver Kroetz, dem Goetz das Stück auch widmet. Und er erweist darin seiner bayerischen Heimat Reverenz, der Stadt München genauso wie dem Voralpenland. Verspielt, poetisch, abgründig, absolut undramatisch – und selbstredend genial. « (...) währenddessen hatten wir den Monopteros einmal umrundet und gingen zurück Richtung Eisbach, wo die Leute in der Nachmittagssonne unter den hohen Bäumen lagen, und ich hatte ein solch immenses Sehnsuchtsgefühl nach diesem München, durch das wir gingen, dass ich plötzlich sagte , ich kann dir nicht helfen, aber probieren würde ich es gern (….) » Der neueste Theatertext von Rainald Goetz ist eine wilde Mischung der Genres: Tagebuch und Requiem, verwoben mit Szenen aus einem wahnwitzigen Drehbuchvorhaben mit Helmut Dietl und Franz Xaver Kroetz, dem er das Stück auch widmet. Und er erweist seiner bayerischen Heimat Reverenz, der Stadt München genauso wie dem Voralpenland. Verspielt, poetisch, abgründig, absolut undramatisch – und selbstredend genial. Gefeiert als radikal aufrichtiger Beobachter des Jetzt richtet der vielfach ausgezeichnete Ausnahmeautor Goetz nun seinen Blick auch auf Vergangenes wie in die Zukunft: Er erinnert sich an den Beginn seiner Karriere und zeichnet Hinterlassenschaften von ausschließlich männlichen Wegbegleitern auf, neben den bereits genannten melden sich etwa Herbert Achternbusch, Josef «Sepp» Bierbichler, Albert Oehlen, Benjamin von Stuckrad-Barre oder Michael Rutschky zu Wort. Und er bereitet sich selbst auf das eigene Verschwinden vor. Der 1954 in München geborene Rainald Goetz wird zum ersten Mal am Residenztheater gespielt. Er legt die Uraufführung von «Lapidarium» – die Bezeichnung steht für eine Sammlung von Steinskulpturen – in die Hände von Hausregisseurin Elsa-Sophie Jach. Das Stück ist der letzte Teil einer Trilogie, die mit «Im Reich des Todes» (uraufgeführt 2020) begann, einer Auseinandersetzung mit dem Terror des 11. September, gefolgt von «Baracke» (uraufgeführt 2023), das den Terror der NSU thematisiert. Mit der Uraufführung von «Lapidarium» beginnt die Beschäftigung mit der bunten und bewegten Geschichte Münchens in der Spielzeit 2025/2026, die sich mit einer Uraufführung von Albert Ostermaier und einem Projekt über Freddie Mercury fortsetzen wird. Inszenierung: Elsa-Sophie Jach Bühne: Aleksandra Pavlović Kostüme: Johanna Stenzel Musik: Lena Geue Licht: Gerrit Jurda Video: Jonas Alsleben Dramaturgie: Almut Wagner 2 Stunden, Keine Pause
Aufführungen | Schauspiel

Sankt Falstaff

Residenztheater

Der Staatsstreich ist geglückt. Multiple Krisen und von langer Hand geplante Umsturzszenarien haben die alte Regierung weggefegt. Wie ein Quasikönig regiert Heinrich Bolingbrock mit seinen Gefolgsleuten das Land. Doch Heinrich ist alt und krank und es ist kein geeigneter Nachfolger in Sicht. Im Schatten dieser strauchelnden Herrschaft laufen die Geschäfte in Frau Flotts Containerkneipe hingegen ausgesprochen gut. Dort schlägt sich der in jeder Hinsicht raumgreifende John mit seinem Intimfreund Harri die Nächte um die Ohren – ein ungleiches Paar, verbunden durch die gemeinsame Lust an scharfzüngiger Rede und reichlich Bier. Als Harri jedoch aus dem Zentrum der Macht ein unmoralisches Angebot erreicht, wirft das nicht nur auf die Zukunft des Staats, sondern auch auf Johns Freundschaft zu Harri ein neues Licht. Wird er mit Harri aufsteigen oder müsste er nicht vielmehr der Fortpflanzung der illiberalen Herrschaft in den Schritt fahren? Vielleicht sogar um den Preis des eigenen Untergangs? Sprachlich geschliffen und derb-komisch zugleich übersetzt der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer Shakespeares Historienstück, in dem sich Königsdrama und Komödie auf verblüffende Weise die Hand reichen, in die nahe Zukunft. Palmetshofers Neudichtung fragt nach der (Un-)Möglichkeit der Liebe in unmöglichen Zeiten, worum auch die beiden anderen großen Shakespeare-Stoffe dieser Spielzeit – «Ein Sommernachtstraum» und «Romeo und Julia» – kreisen, wenn auch mit anderem Ausgang. «Verrohte Politik bringt ihre verrohten Wähler*innen hervor. Nicht umgekehrt. Wie aber widersteht man dieser Psychopolitik der Extremisierung? Vielleicht kann man ja bei John Falstaff in seiner Kneipe in die Lehre gehen, weil sein Herz in Wahrheit weiter und unbestechlicher ist, als es ihm selbst sein Erfinder Shakespeare zugetraut hat: den toxischen Zeiten zum Trotz bis in die letzte Faser hinein völlig atoxisch.» Ewald Palmetshofer Sprachlich geschliffen und derb-komisch zugleich übersetzt der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer Shakespeares Historienstück, in dem sich Königsdrama und Komödie auf verblüffende Weise die Hand reichen, in die nahe Zukunft. Palmetshofers Neudichtung fragt nach der (Un-)Möglichkeit der Liebe in unmöglichen Zeiten, worum auch die beiden anderen großen Shakespeare-Stoffe dieser Spielzeit – «Ein Sommernachtstraum» und «Romeo und Julia» – kreisen, wenn auch mit anderem Ausgang. Inszenierung: Alexander Eisenach Bühne: Daniel Wollenzin Kostüme: Claudia Irro Musik: Benedikt Brachtel, Sven Michelson Licht: Verena Mayr Video: Oliver Rossol Dramaturgie: Constanze Kargl 3 Stunden 15 Minuten, 1 Pause
Aufführungen | Schauspiel

Gschichtn vom Brandner Kaspar

Residenztheater

Nach einem Vierteljahrhundert kehrt der Brandner Kaspar wieder ans Residenztheater zurück – und wie! Denn fast ebenso lange ist es her, dass Franz Xaver Kroetz erklärte, nicht mehr für das Theater veröffentlichen zu wollen. Doch für den Brandner Kaspar, den bayerischsten aller Theaterstoffe, hat er sich doch noch einmal überreden lassen und seinen «Brandner Kaspar» für das Residenztheater geschrieben, wo er nun zur Uraufführung kommen wird. In Anlehnung an Franz von Kobells Mundarterzählung erzählt Kroetz die Geschichte von dem bayerischen Sturschädel, der sich nicht einmal dem leibhaftigen Tod, dem Boanlkramer, beugen will, sehr ehrlich und berührend, dabei ganz unsentimental und mit viel Humor. Natürlich bescheißt auch bei Kroetz Brandner den Boanlkramer mit reichlich Kerschgeist beim Kartenspielen, aber der Preis, den er für die gewonnenen achtzehn Lebensjahre zahlt, ist hoch. Denn als seine geliebte Enkelin, das Seferl, beim Almabtrieb stirbt, ist er plötzlich allein. Seine Frau ist schon vor Jahren gestorben und von seiner Tochter erreichen ihn nur noch Postkarten aus der Ferne. Die Einsamkeit nimmt ihm alle Lebensfreude, aber die Angst vor dem Tod und vor dem, was danach kommt, ist einfach zu groß, um freiwillig auf seinen Gewinn zu verzichten und vorzeitig abzutreten. Aber der Boanlkramer, dem ein fuchsteufelswilder Petrus im Nacken sitzt, hat eine Idee: Ein Fenster im Himmel gewährt Einblick in das Paradies und ein kurzer Blick «kost ja nix»… Als Kaspar Brandner kehrt auch Günther Maria Halmer ans Residenztheater zurück und zusammen mit dem Münchner Film-, Schauspiel- und Opernregisseur Philipp Stölzl werden sie die «Gschichtn vom Brandner Kaspar» als ein «großes Bilderbuch, denn das Stück ist natürlich ein Märchen» wie es in der Szenenanweisung bei Franz Xaver Kroetz heißt, auf die Bühne bringen. In Anlehnung an Franz von Kobells Mundarterzählung erzählt Franz Xaver Kroetz die Geschichte von dem bayerischen Sturschädel, der sich nicht einmal dem leibhaftigen Tod, dem Boanlkramer, beugen will, sehr ehrlich und berührend, dabei ganz unsentimental und mit viel Humor. Als Kaspar Brandner kehrt auch Günther Maria Halmer ans Residenztheater zurück und zusammen mit dem Münchner Film-, Schauspiel- und Opernregisseur Philipp Stölzl werden sie die «Gschichtn vom Brandner Kaspar» als ein «großes Bilderbuch, denn das Stück ist natürlich ein Märchen» auf die Bühne bringen. Franz Xaver Kroetz wurde 1946 in München geboren. Nach dem Schulabbruch besucht er eine private Schauspielschule in München, später dann das Max-Reinhardt-Seminar in Wien, beides beendet er vorzeitig. Nach der Schauspielprüfung der Bühnengenossenschaft erstes Engagement am Büchner-Theater München. Kontakt mit Rainer Werner Fassbinders «antitheater». Zeitgleich hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er führt Regie am Tegernseer Bauerntheater und schreibt eine Vielzahl von Stücken, die er verbrennt. Zwischen 1968 und 1969 entstehen seine ersten heute noch erhaltenen Stücke, u. a. «Wildwechsel» (UA 1971, Städtische Bühnen Dortmund) und «Heimarbeit» (UA 1971, Münchner Kammerspiele). Aufgrund eines einjährigen Dramatikerstipendiums des Suhrkamp-Verlags kann Kroetz sich ganz dem Schreiben widmen und schafft den Durchbruch. 1971 entstehen die Werke «Stallerhof» (UA 1972, Deutsches Schauspielhaus Hamburg), «Wunschkonzert» (UA 1973, Staatstheater Stuttgart), «Geisterbahn» (UA 1975, Ateliertheater am Naschmarkt Wien) und «Lieber Fritz» (UA 1975, Staatstheater Darmstadt). Kroetz wird zum meistgespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatiker und inszeniert seine Stücke auch zum Teil selbst. Seine Uraufführungen lösen oftmals Skandale aus und es kommt zu Protestdemonstrationen. 1971 tritt er in die Deutsche Kommunistische Partei DKP ein. Im selben Jahr verfilmt Rainer Werner Fassbinder «Wildwechsel», weitere Fernsehverfilmungen seiner Stücke, auch in Eigenregie, folgen. Bis 1977 schreibt er mindestens zwanzig Stücke, so auch «Agnes Bernauer» (UA 1977, Schauspielhaus Leipzig). Sie werden zahlreich ausgezeichnet, «Das Nest» erhält 1976 den Mülheimer Dramatikerpreis. Immer wieder arbeitet er auch als Schauspieler im Theater, Film und Fernsehen. Einen großen Bekanntheitsgrad erhält er 1986 durch seine Rolle als Klatschreporter Baby Schimmerlos in der Fernsehserie «Kir Royal». 1994 wird «Der Drang» als eine Neubearbeitung des Stücks «Lieber Fritz» an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Seine letzten Arbeiten am Residenztheater München waren die Bearbeitung von Ludwig Anzengrubers «Der Gewissenswurm» (2007), «Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind» (UA 2012), «Agnes Bernauer» (2021) und «Der Drang» (2022). Auftragswerk Inszenierung und Bühne: Philipp Stölzl Mitarbeit Bühne: Franziska Harm Kostüme: Kathi Maurer Komposition und musikalische Leitung: Michael Gumpinger Video: Simon Wimmer Licht: Gerrit Jurda Dramaturgie: Michael Billenkamp Dauer 2 Stunden - keine Pause
Aufführungen | Schauspiel

Maria Stuart

Residenztheater

Maria Stuart, die entthronte schottische Königin, sucht in England Asyl, findet sich aber alsbald in Festungshaft, da ihre Tante, die englische Königin Elisabeth Tudor, Ermittlungen gegen sie aufnimmt: Maria war angeblich im Alter von siebzehn Jahren in die Ermordung ihres Ehemanns verstrickt – so die offizielle Anklage, gerüchtehalber aber auch in ein ganz aktuelles Umsturzkomplott. Schiller zeichnet keine seiner Protagonistinnen in besonders schmeichelhaftem Licht: Maria als impulsive Verführerin, Elisabeth als eifersüchtige und entscheidungsscheue Regentin. An Goethe schreibt er 1799 über seinen «poetischen Kampf mit dem historischen Stoff», bevor es ihm gelingt, «der Phantasie eine Freiheit über die Geschichte zu verschaffen». Und diese Freiheit besteht auch darin, aus der beliebten «Virgin Queen» – die in ihrer Regentschaft jahrelange Querelen mit Frankreich befriedete, den Staatshaushalt konsolidierte, den Grundstein von Seemacht und Commonwealth legte, eine Blütezeit für Künste und Wissenschaft schuf – eine Zauderin zu machen, die lieber sterben möchte, als über den Konflikt mit Maria zu entscheiden. Hier schreibt sich auch Schillers eigene Gegenwart in das Stück ein, in der wenige Jahre zuvor Marie Antoinette als eine der Frontfrauen des Absolutismus auf dem Schafott ihr Ende fand: «Dies Land, Mylady, hat in letzten Zeiten / Der königlichen Frauen mehr vom Thron / Herab aufs Blutgerüste steigen sehn». Denn im Hintergrund dieses Politthrillers um Ämternachfolge und Staatskonfession lauert immer der Volksaufstand, der schließlich beide Königinnen den Kragen kosten könnte. Schiller lässt nicht nur den Hofstaat, sondern auch seine Majestäten selbst zweifeln, ob es ein einzelner Mensch vermag, im Sinne eines Volks zu entscheiden, und exerziert diese «Furcht, die schreckliche Begleitung der Tyrannei» in allen Schattierungen durch. Er schreibt so nicht nur ein Stück über das Zögern einer Staatenlenkerin, sondern auch über die Notwendigkeit der Demokratie. Dass diese Debatte wie in der antiken «Orestie» ihren Anfang mit einem Gattenmord und ihr Ende im Irren der Entscheidung der Einzelnen findet, ist vielleicht kein Zufall. «Ein Stück über das NICHT-Handeln. Über die radikale Einsamkeit und unentrinnbare (Ohn-)Macht, in die eine menschliche Machthaberin hineingerät. Mich interessiert die Faszination dieser Frau an der anderen, das Erkennen ihrer selbst in der anderen. Und ihr schlussendliches TROTZDEM-Handeln, getrieben von einem in sich falschen System, in dem es nur die eine Entscheidung geben kann.» Nora Schlocker Inszenierung: Nora Schlocker Bühne: Irina Schicketanz Kostüme: Jana Findeklee, Joki Tewes Komposition und Sounddesign: Philipp Weber Licht: Gerrit Jurda Choreografie und Körperarbeit: Sabina Perry Dramaturgie: Constanze Kargl Bei dieser Inszenierung kommt Stroboskoplicht zum Einsatz. Die weiblichen Hauptfiguren Maria Stuart und Elisabeth werden beide von Pia Händler und Lisa Stiegler verkörpert. Die Besetzung wird zu Beginn jeder Vorstellung ausgelost. Altersempfehlung: ab 14 Jahren Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, 1 Pause
Aufführungen | Schauspiel

Kasimir und Karoline

Residenztheater

Das Oktoberfest ist auch zur Zeit der Weltwirtschaftskrise ein Ort des Amüsements und der willkommenen Ablenkung. Die Liebe von Kasimir, einem entlassenen Chauffeur, und Karoline, einer Büroangestellten, wird hier jedoch auf die Probe gestellt. Im Milieu der Kleinbürger*innen sucht man mit fortschreitender Stunde Trost im Alkoholexzess und blickt in zwischenmenschliche Abgründe. Horváths Figurenkaleidoskop, dessen Ungeheuerlichkeit im Banalen liegt, zeigt Menschen ihrer Zeit und ihrer ökonomischen Bedingtheiten. Das Oktoberfest mit seinen Fahrgeschäften, Ringelspielen, Bierzelten, einem Kuriositätenkabinett und Hippodrom ist auch zur Zeit der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er-Jahre ein Ort des Amüsements und der willkommenen Ablenkung. Die Liebe von Kasimir, einem entlassenen Chauffeur, und Karoline, einer Büroangestellten, wird hier jedoch auf die Probe gestellt. Karoline, die ihrem Alltag für einen Moment entkommen möchte, trennt sich von Kasimir, lernt «bessere Herren» kennen und trägt in der Hoffnung auf sozialen Aufstieg doch nur sich selbst zu Markte. In Zeiten explosionsartig steigender Arbeitslosigkeit ist auch die Liebe ein (Tausch-)Geschäft, denn «Zukunft ist eine Beziehungsfrage». Im Milieu des Kleinbürgers, der – so der österreichische Schriftsteller Franz Werfel – «von Horváth weniger als Angehöriger einer Klasse als der dem Geiste widerstrebende, der schlechthin verstockte Mensch geschildert wird», sucht man mit fortschreitender Stunde Trost in Alkoholexzessen und blickt in zwischenmenschliche Abgründe. Horváths Figurenkaleidoskop, dessen Ungeheuerlichkeit im Banalen liegt, zeigt Menschen ihrer Zeit und ihrer ökonomischen Bedingtheiten. Der österreichische Literaturwissenschaftler Alfred Doppler erkannte treffend, dass «Horváths Volksstücke Stücke über das Volk sind, wie es sich selbst nicht sieht und nicht sehen will». Ödön von Horváth selbst beschrieb sein Volksstück als «Ballade vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir und seiner Braut mit der Ambition, eine Ballade voll stiller Trauer, gemildert durch Humor, das heißt durch die alltägliche Erkenntnis: ‹Sterben müssen wir alle!›». Neben Ödön von Horváth stehen mit Irmgard Keun, Heinrich Mann oder Anna Gmeyner Literat*innen auf dem Spielplan, die als Seismograf*innen frühzeitig die gesellschaftspolitischen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts reflektierten. Inszenierung: Barbara Frey Bühne: Martin Zehetgruber Mitarbeit Bühne: Stephanie Wagner Kostüme: Esther Geremus Musik: Barbara Frey, Josh Sneesby Licht: Gerrit Jurda Dramaturgie: Constanze Kargl 1 Stunde 30 Minuten, Keine Pause
Aufführungen | Schauspiel

Romeo und Julia

Residenztheater

Im vermeintlich romantischsten Stück des Sprachgenies Shakespeare spricht auf Veronas Straßen zunächst einmal weniger die Zunge als die Klinge. Es herrscht Krieg. Obwohl der Prinz zwischen den verfeindeten Clans Montague und Capulet einen Waffenstillstand verhängt hat, genügt schon die kleinste Provokation, um weitere Tote zu beklagen. Einzig die jüngsten Sprösslinge der verfeindeten Familien finden eine neue Sprache jenseits der Waffen, und zwar eine einzigartige: «Hier wütet Hass, doch Liebe wütet mehr», setzen Romeo und Julia dem Krieg ihrer Verwandten entgegen, wenn auch erst mal nur heimlich. Von Beginn an schwingt in der zarten Poesie der Verführung auch die Utopie mit, dass diese Liebe einen Frieden übers eigene Glück hinaus stiften könnte. Ganz im Gegensatz zum vermutlich zeitgleich entstandenen «Sommernachtstraum» ist die Nacht hier die Stunde der wahren Gefühle, der Moment, in dem die Masken fallen und Name wie Herkunft nichts mehr gelten. Auch wenn Shakespeare seine Liebenden den Gesang der Lerche letztlich nicht überleben lässt, bringt er durch ihr Beispiel ans Licht, dass ein Ende der Kampfhandlungen möglich ist. Für die Hausregisseurin Elsa-Sophie Jach geht es in ihrer Inszenierung um die Handlungsräume, die nicht nur den verfeindeten Häusern, sondern auch ganz grundsätzlich den Geschlechtern in diesem Spiel um Liebe und Tod zugewiesen sind. «Wenig ist, was es zu sein vorgibt in der berühmtesten Liebesgeschichte des Theaters, am wenigsten die Menschen. Deren Sprache ist doppeldeutig, anrüchig, überfließend, wunderschön. Sie selbst getrieben, haltlos, unbedingt. Sind es Hass oder Liebe, die den Menschen steuern, oder ist es Gier? Und ist ein Innehalten, eine Verständigung im Zustand des Taumelns noch möglich? Oft, wenn der Mensch dem Tod sehr nahe ist, wird er sehr heiter, sagt Romeo, sie nennen das den Blitz vorm Tod.» Elsa-Sophie Jach Inszenierung: Elsa-Sophie Jach Bühne: Marlene Lockemann Kostüme: Johanna Stenzel Komposition: Max Kühn Choreografie: Dominik Więcek Licht: Barbara Westernach Dramaturgie: Katrin Michaels Video: Jonas Alsleben In Kooperation mit dem Deutschen Theatermuseum München. Unterstützt vom Förderverein Freunde* des Residenztheaters 3 Stunden, 1 Pause
Aufführungen | Schauspiel

Die Ärztin

Residenztheater

aus dem Englischen von Christina Schlögl Dr. Ruth Wolff ist als Ärztin eine Koryphäe. Sie leitet ein auf Alzheimer-Forschung spezialisiertes Institut in einer angesehenen Privatklinik. Bei ihren Kolleg*innen ist sie wegen ihres wenig diplomatischen Auftretens allerdings nicht wirklich beliebt. Als diensthabende Ärztin hat sie es eher zufällig mit dem Fall eines 14-jährigen Mädchens zu tun, für das es nach einem misslungenen Eingriff keine Rettung mehr gibt. Als ein katholischer Priester ihr die Sterbesakramente erteilen will, verweigert die säkulare Jüdin Ruth ihm den Zutritt ins Krankenzimmer. Für Ruth ist dieser Streit eine Bagatelle, zumal sie sich im Recht sieht, doch der Vorfall schlägt rasch hohe Wellen: intern, weil einige Kollegen mit Ruths Verhalten nicht einverstanden sind, und extern, weil die Auseinandersetzung publik und darum eine Online-Petition gegen sie gestartet wird. Die Folge ist, dass erste Sponsoren drohen, ihre finanzielle Unterstützung von Krankenhaus und Institut einzustellen. Auch ihre Kolleg*innen konfrontieren sie mit antisemitischen und frauenfeindlichen Ressentiments. Am Ende sieht sich Ruth einem karriere- und existenzgefährdenden medialen Shitstorm ausgesetzt, in dem sich unterschiedliche religiöse, gesellschaftliche und ethische Positionen, mit Fragen nach Identität, Herkunft und Geschlecht vermischen und unversöhnlich gegenüberstehen. Autor und Regisseur Robert Icke hat Arthur Schnitzlers Stück «Professor Bernhardi» (1912) kongenial in die Gegenwart übersetzt. Die Londoner «Times» feierte«Die Ärztin» als eine «Operation am offenen Herzen unserer Gegenwart, die immer komplizierter wird, je tiefer man schneidet». Icke spielt virtuos mit den Erwartungen und Erfahrungen der Zuschauer*innen, denn mit jedem Perspektivwechsel gilt es, nicht nur das Geschehen neu zu interpretieren, sondern auch die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Inszenierung: Miloš Lolić Bühne: Volker Thiele Kostüme: Ellen Hofmann Komposition: Valerio Tricoli Licht: Verena Mayr Dramaturgie: Katrin Michaels Dauer: 2 Stunden, Keine Pause
Aufführungen | Schauspiel

Blind

Residenztheater

aus dem Niederländischen von Eva M. Pieper und Alexandra Schmiedebach Nach dem Tod seiner Frau lebt Richard abgeschottet in einer streng bewachten Gated Community. Seine langjährige Haushälterin hat er ohne ersichtlichen Grund entlassen. Nun nimmt er seine einzige Tochter Helen in die Pflicht, ihn zu versorgen, da er zunehmend pflegebedürftig wird. Zwischen Vater und Tochter herrschte lange Funkstille, trennt die beiden doch mehr, als sie verbindet. Richard – als ehemaliger erfolgreicher Ingenieur für Wasserwirtschaft immer noch mit einem großen Ego ausgestattet – respektiert weder Helens idealistische Berufsauffassung als Anwältin noch die Wahl ihres Ehemanns, eines Schwarzen Intellektuellen. Helen wiederum wirft ihm vor, sich den Herausforderungen einer sich verändernden Gesellschaft zu entziehen, in der bewusster über Fragen von Geschlechtergerechtigkeit und Rassismus nachgedacht wird und in der nur der sorgsamere Umgang mit den knappen Ressourcen der Natur die Existenz nachfolgender Generationen garantiert. Bei einer der Stippvisiten der Tochter schließen die elektrischen Rollläden automatisch – so wie es bei einem Überfall vorgesehen ist. Vater und Tochter sind gezwungen, miteinander auszuharren. «Wie sollen wir miteinander leben?», fragt die meistgespielte niederländische Dramatikerin Lot Vekemans in ihrem neuen Stück und trifft damit den Nerv der Zeit. Sie zeigt auf eine sehr menschliche Weise die u vereinbar scheinenden Haltungen, die in vielen Familien und Freundeskreisen für Dissens und Konflikt sorgen. Vekemans’ Solo «Niemand wartet auf dich» mit Juliane Köhler wurde am Residenztheater mit großer Resonanz gestreamt. In «Blind» spielt sie an der Seite von Manfred Zapatka. Die deutschsprachige Erstaufführung von «Blind» inszeniert der Regisseur Matthias Rippert, der mit seinen präzisen Interpretationen zeitgenössischer Dramatik auf sich aufmerksam gemacht hat. Inszenierung: Matthias Rippert Bühne: Fabian Liszt Kostüme: Alfred Morina Musik: Robert Pawliczek Licht: Markus Schadel Dramaturgie: Almut Wagner Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, Keine Pause
Aufführungen | Schauspiel

Nach Mitternacht

Residenztheater

«Nach Mitternacht» erzählt von zwei Tagen im Jahr 1936. In dieser kurzen Zeitspanne verdichtet sich für die neunzehnjährige Sanna eine neue Realität: Denunziation wird zur sozialen Währung, Gewalt zur Normalität. Die junge Protagonistin muss ihren Geliebten Franz zurücklassen und flieht zu ihrem Bruder Algin, einem einst gefeierten Schriftsteller der Weimarer Republik, der inzwischen mit Schreibverbot belegt ist. In Algins luxuriöser Künstlerwohnung trifft sie auf eine Gesellschaft, die sich zwischen exzessiven Festen, Cafébesuchen und intellektuellen Diskussionen nur scheinbar vom aufziehenden Schrecken abgrenzen kann. Sanna beginnt, die ideologische Durchdringung ihres Umfelds zu begreifen – sei es in der Liebe ihrer Freundin Gerti zu dem jüdischen Dieter Aaron, die an den Rassegesetzen zerbricht, oder in der Denunziation durch die eigene Tante, die sie wegen kritischer Äußerungen zur NS-Propaganda bei der Gestapo meldet. Der Alltag wird zunehmend von Angst, Kontrolle und Opportunismus geprägt. Als Franz fliehen muss, trifft auch Sanna eine Entscheidung: Sie begleitet ihn ins Ungewisse. Nach Mitternacht beginnt ein anderes Leben. Irmgard Keun veröffentlichte «Nach Mitternacht» 1937 im Exil. Die wesentlichen Teile des Romans entstanden jedoch noch im nationalsozialistischen Deutschland – was ihm eine besondere Unmittelbarkeit verleiht. Die Autorin entwirft darin das Bild einer jungen Frau, die in einer zutiefst widersprüchlichen Gesellschaft ihre Rolle sucht – zwischen Anpassung und Aufbegehren. Keuns Figuren sind keine Held*innen oder Monster, sie sind Menschen, wie wir sie kennen: aus Familien, Freundeskreisen, Ämtern, Kneipen. Sie werden zu Mittäter*innen oder Widerständler*innen – nicht aus Überzeugung, sondern weil sie schlicht ihr Leben leben wollen. In ihrer ersten Inszenierung am Residenztheater bringt Cosmea Spelleken, deren Arbeiten an der Schnittstelle von Film, Theater und Medienkunst entstehen, Keuns kraftvolle Darstellung der «deutschen Wirklichkeit» im NS-Staat auf die Bühne. Klaus Mann schrieb 1937 über Keuns Roman: «Ein Schauder läuft uns über den Rücken … es ist jammervoll, schandbar und unerträglich, dass die Wahrheit so aussieht.» Nach dem gleichnamigen Roman von Irmgard Keun, für die Bühne bearbeitet von Cosmea Spelleken. Inszenierung: Cosmea Spelleken Bühne und Kostüme: Anna Kreinecker Technische Konzeption: Leonard Wölfl Sound Recording: Marc Kutschera Licht: Markus Schadel Dramaturgie: Ilja Mirsky 1 Stunde 45 Minuten, Keine Pause
Aufführungen | Musical

Cabaret

Residenztheater

nach dem Stück «Ich bin eine Kamera» von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood aus dem Englischen von Robert Gilbert Das legendäre Musical «Cabaret» führt uns in die schillernde Welt des Kit-Kat-Clubs der 1930er-Jahre. Jeden Abend begeistert die enigmatische Künstlerin Sally Bowles mit ihrem berühmten Song «Life is a Cabaret» das Publikum, das Dekadenz und Diversität feiert. Der junge Amerikaner Clifford Bradshaw verfällt diesem sinnlich aufgeladenen Kosmos. Doch gleichzeitig zieht etwas Dunkles herauf, das sich immer stärker in den Alltag der lebenslustigen Lebenskünstler*innen einschleicht. «Willkommen, bienvenue, welcome ... Fremder, étranger, stranger …» So beginnt das legendäre Musical «Cabaret» – mit der lockenden Einladung des Conférenciers, die schillernde Welt des Kit-Kat-Clubs zu betreten, in dem die enigmatische Künstlerin Sally Bowles jeden Abend ihren berühmten Song «Life is a Cabaret» zum Besten gibt. Dieser Einladung folgt auch der junge amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw. Als Fremder ist er in die pulsierende Stadt gekommen, um keine Sekunde von dem zu verpassen, was in dieser pulsierenden Stadt hier vor sich geht. «Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich nehme auf, ich denke nicht.» Cliff – zunächst nur neugieriger Beobachter – verfällt zunehmend diesem sinnlich aufgeladenen Kosmos. Gleichzeitig zieht etwas Dunkles herauf – politisch und gesellschaftlich –, das sich immer stärker in den pulsierenden Alltag der Lebenslustigen einschleicht. Doch im Zustand des großen «Davor» wird gefeiert, getanzt und gesungen – ausgelassen, jubelnd und  … irrsinnig! Für den britisch-amerikanischen Autor Christopher Isherwood (1904–1986), dessen zwei autobiografische Berlin-Romane als Vorlage für «Cabaret» dienten, war sein erster Besuch in dieser Stadt eines der einschneidendsten Erlebnisse seines Lebens. Hatte er «Berlin-Babylon» zunächst noch für einen «Reklamespruch» im Wettbewerb mit dem mythischen Paris gehalten, erlebte er in Berlin bald einen «gewaltigen Mummenschanz der Perversionen» und eine nie gekannte Freiheit. Als die politische Lage immer bedrohlicher wird, verlässt er schließlich Deutschland Richtung Griechenland: Als Homosexueller weiß er, dass er in Gefahr ist. Der international gefragte Opernregisseur Claus Guth nähert sich dem «Cabaret» – die legendäre Verfilmung entstand in München – aus seiner ganz eigenen Perspektive. Das detailliert-dokumentarische Zeitbild der 1930er-Jahre in Berlin wird für ihn zu einer Forschungsreise ins Innere. Ein unsicherer junger Mann, ein Schriftsteller, der noch nicht viel erlebt hat, probiert sich in allen Facetten seiner Möglichkeiten aus und findet – in der Konfrontation mit der größtmöglichen Intensität von Wirklichkeit – zu sich selbst und seiner Identität. Inszenierung: Claus Guth Musikalische Leitung: Michael Gumpinger Musikalische Assistenz: Stephen Delaney Bühne: Étienne Pluss Kostüme: Bianca Deigner Soundkomposition: Mathis Nitschke Licht: Gerrit Jurda Choreografie: Sommer Ulrickson Dramaturgie: Almut Wagner, Yvonne Gebauer 2 Stunden 40 Minuten, 1 Pause
Aufführungen | Schauspiel

Abschied

Residenztheater

Uraufführung: 28.3.2026 Ein letzter Tag in Paris, die letzten Stunden einer großen Liebe und die Gewissheit, dass nichts so bleiben wird, wie es war. In «Abschied» erzählt Sebastian Haffner von der letzten Begegnung mit seiner Geliebten Teddy. Zwischen Cafés, Museumsbesuchen, flüchtigen Begegnungen und intensiven Gesprächen verdichtet sich das noch unbeschwerte Lebensgefühl der frühen 1930er-Jahre. Der Roman begleitet die beiden durch Stunden voller Nähe, Zweifel und Hoffnung bis zum Moment am Bahnsteig, der sie unwiderruflich trennt. Poetisch, atmosphärisch dicht und sehr persönlich schildert Sebastian Haffner nicht nur das Ende einer großen Liebe, sondern auch den Abschied von der eigenen Jugend und einer Epoche kurz vor ihrem Untergang. Nur wenige Wochen benötigte Haffner 1932 für die Niederschrift dieses bis vor kurzem noch unveröffentlichten Romans. Regisseur Matthias Rippert bringt den Stoff nun erstmals auf die Bühne und setzt damit nach dem Erfolg von «Blind» seine Arbeit am Residenztheater fort. Inszenierung: Matthias Rippert Bühne: Sarah Schmid Kostüme: Marie Sophie Heinen Musik: Hans Könnecke Dramaturgie: Michael Billenkamp
Aufführungen | Schauspiel

Marat/Sade

Residenztheater

Premiere: 21.3.2026 Der ausführliche Titel von Peter Weiss’ bahnbrechendem Theaterstück bringt die Versuchsanordnung schon ziemlich genau auf den Punkt: In der Heilanstalt von Charenton südöstlich von Paris spielt man Theater. Vor eigens angereistem Publikum und unter der Aufsicht des Pflegepersonals und Anstaltsleiters zeigen die Patient*innen ein bizarres True-Crime-Schauspiel über den Mord an Jean Paul Marat, dem in seiner eigenen Badewanne erdolchten Revolutionär. Regisseur und Autor dieser Aufführung ist der berüchtigte Meister der Ausschweifungen und Grenzüberschreitung Marquis de Sade – selbst Patient der Anstalt. Und so treffen in diesem Spiel im Spiel zwei von der Französischen Revolution Desillusionierte und Verfechter des Exzesses aufeinander: Der Marquis der Eskapaden im Streitgespräch mit Marat, dem Befürworter des Terrors, über die alles entscheidende Frage, ob eine Veränderung der Verhältnisse überhaupt möglich ist. Und falls ja, um welchen Preis? Und mit welchen Mitteln? Der revolutionäre Geist ist da schon längst verpufft, im Blutrausch versunken und von der Restauration erstickt worden. Und es sind die Kranken, psychisch Versehrten und von der Gesellschaft Ausgeschlossenen, welche die Anstalt zur Bühne machen und zurückkehren zu den Kernfragen einer verpufften Utopie. Ein rituelles Spiel unter dem Deckmantel vorgeblicher Heilung, auf der Suche nach Entgrenzung oder Erkenntnis – oder nach beidem oder etwas ganz anderem. Peter Weiss’ 1964 uraufgeführtes Stück ist ein Spektakel des Übergangs, der Zeitenwende und des Zweifelns und passt vielleicht gerade darum so frappierend ins Heute – inszeniert von Claudia Bossard, die mit «Marat/Sade» zum ersten Mal am Residenztheater arbeitet. Inszenierung: Claudia Bossard Bühne: Romy Springsguth Kostüme: Andy Besuch Musik: Alexander Yannilos Licht: Verena Mayr Dramaturgie: Ewald Palmetshofer

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